Wenn die Besten gehen – und warum das nie ohne Folgen bleibt
In vielen Unternehmen gibt es stille Alarmsignale, die oft übersehen werden. Eines davon ist der plötzliche Weggang eines besonders leistungsstarken Teammitglieds. Was auf den ersten Blick wie eine Einzelfallentscheidung wirkt, ist häufig nur der Auftakt zu einem viel größeren Problem: Ein Top-Talent kündigt – und kurze Zeit später folgen weitere. Nicht aus Zufall, sondern weil sich ein Muster dahinter verbirgt.
Wenn Spitzenkräfte die Reißleine ziehen
Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem dynamischen Team, in dem Sie regelmäßig über sich hinauswachsen. Sie bringen nicht nur starke Ergebnisse, sondern übernehmen Verantwortung, denken mit, motivieren andere und liefern konstant hohe Qualität ab. Doch trotz Ihres Einsatzes beobachten Sie, wie einige Kollegen ihre Aufgaben nur halbherzig erledigen, Konflikte aus dem Weg gehen und sich scheinbar unbemerkt durchmogeln – ohne Konsequenzen. Die Führung bleibt still, obwohl die Probleme sichtbar sind.
Solche Situationen sind Gift für Motivation und Engagement. Irgendwann stellt sich die Frage: Warum soll ich mich weiter so ins Zeug legen, wenn Leistung weder anerkannt noch geschützt wird? Für viele hochleistende Mitarbeitende ist das der Wendepunkt. Und wenn sie sich entscheiden zu gehen, bleibt es selten bei einer Kündigung.
Der Dominoeffekt hinter dem Abgang
Untersuchungen zeigen, dass auf jede freiwillige Kündigung eines leistungsstarken Teammitglieds durchschnittlich mehr als zwei weitere Kolleginnen oder Kollegen folgen – meist ebenfalls aus dem leistungsstarken Umfeld. Das Phänomen ist vergleichbar mit einem Erdrutsch: Löst sich erst ein Fels, gerät das gesamte Gefüge ins Rutschen.
Besonders auffällig: Während Entlassungen zwar kurzfristig wirken, haben freiwillige Kündigungen deutlich nachhaltigere Effekte auf das Team. Sie senden ein klares Signal: „Hier stimmt etwas nicht.“ Und dieses Signal verbreitet sich rasch.
Was wirklich hinter dem Abschied steckt
Entgegen weitverbreiteter Annahmen sind es selten das Gehalt oder eine hohe Arbeitslast, die Top-Leute vertreiben. Viel häufiger sind es dysfunktionale Teamstrukturen, fehlende Anerkennung oder destruktive Kollegen. Auch mangelnde Führung ist ein wesentlicher Faktor: Wenn Probleme nicht angesprochen, Schwächen ignoriert und Konflikte nicht gelöst werden, fühlen sich leistungsstarke Mitarbeitende allein gelassen – und ziehen die Konsequenzen.
Das sogenannte Toleranz-Paradoxon spielt dabei eine zentrale Rolle: Führungskräfte tolerieren Schwächen und toxisches Verhalten, weil sie entweder Konflikten aus dem Weg gehen wollen oder fürchten, keine besseren Mitarbeitenden zu finden. Diese Kurzsichtigkeit hat langfristig fatale Folgen.
Die wirtschaftliche Tragweite
Der Verlust eines Top-Talents hat weitreichende Konsequenzen, die nicht nur die Teamstimmung betreffen:
- Wissensverlust: Know-how, Netzwerke und Kundenerfahrung gehen verloren.
- Signalwirkung: Die verbleibenden Teammitglieder fragen sich, ob sie die Nächsten sein sollten.
- Kostenfaktor: Recruiting, Einarbeitung und die Wartezeit auf volle Produktivität neuer Mitarbeitender verursachen erhebliche Kosten – ganz zu schweigen vom potenziellen Qualitätsverlust.
Hinzu kommt der psychologische Effekt: Die verbleibenden Mitarbeitenden verlieren nicht nur einen starken Kollegen, sondern auch ein Vorbild, einen Mentor oder einfach einen verlässlichen Mitstreiter.
Die Wurzel des Problems: Führung, die nicht führt
Oft liegt der Ursprung dieser Abwärtsspirale in mangelnder Führungsqualität. Viele Führungskräfte haben ihre Position nicht aufgrund von Führungsstärke erhalten, sondern weil sie fachlich exzellent sind – ein klassisches Beispiel für das sogenannte Peter-Prinzip. Doch ein brillanter Fachspezialist ist nicht automatisch eine gute Führungskraft.
Fehlende Kommunikation, unsicheres Verhalten im Umgang mit Konflikten und das Unvermögen, Erwartungen klar zu formulieren, untergraben nicht nur die Leistung des Teams – sie treiben auch die Besten in die Flucht.
Was Unternehmen jetzt tun müssen
Wer seine Leistungsträger halten will, muss nicht nur reagieren, sondern präventiv handeln. Die folgenden Strategien können dabei helfen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Spitzenkräfte bleiben – und aufblühen:
- Leistung transparent bewerten
Es braucht klare Standards und regelmäßige Leistungsbeurteilungen. Wer dauerhaft unter den Erwartungen bleibt, muss gezielt gefördert oder – im Zweifelsfall – ersetzt werden. - Regelmäßiges, ehrliches Feedback
Mitarbeitergespräche sollten nicht zur lästigen Pflicht verkommen. Sie sind ein zentrales Instrument der Führung – gerade für Menschen, die sich entwickeln und wachsen wollen. - Toxisches Verhalten früh erkennen
Ein einziger destruktiver Mitarbeitender kann ein ganzes Team lähmen. Führungskräfte müssen den Mut haben, Fehlverhalten klar zu benennen und konsequent zu handeln. - Anerkennung kultivieren
Lob, Sichtbarkeit und echte Wertschätzung – sei es durch Entwicklungsmöglichkeiten, neue Projekte oder symbolische Gesten – sind ein zentraler Motor für Motivation. - Führung lernen und leben
Führung ist kein Status, sondern eine Fähigkeit. Wer Teams leitet, sollte regelmäßig reflektieren, sich weiterbilden und Vorbild sein – nicht nur fachlich, sondern auch menschlich.
Fazit: Es beginnt immer bei der Führung
Spitzenkräfte gehen nicht, weil sie plötzlich etwas Besseres gefunden haben – sie gehen, weil sie lange genug überlegt haben. Weil ihr Einsatz nicht gewürdigt wurde. Weil sie sich allein gelassen fühlen. Und weil sich trotz aller Signale nichts geändert hat.
Ihr Weggang ist keine Laune, sondern ein Symptom. Und die Folgen reichen weit über den einzelnen Arbeitsplatz hinaus. Wenn Unternehmen es ernst meinen mit Exzellenz, Innovation und Wachstum, müssen sie alles daransetzen, diese Frühwarnsysteme zu erkennen – und sich selbstkritisch fragen: Tun wir wirklich genug, damit die Besten bleiben?
Denn in einem starken Team zu arbeiten ist keine Selbstverständlichkeit – es ist das Ergebnis bewusster, guter Führung.




