Sicherheit schlägt Abenteuer: Warum Deutschlands Beschäftigte 2026 lieber bleiben als wechseln

Die Arbeitswelt 2026 wirkt wie ein Widerspruch: Die Beschäftigten sind zufrieden – aber zugleich so vorsichtig wie seit Jahren nicht mehr. Während wirtschaftliche Unsicherheit, KI‑Dynamiken und volatile Märkte Schlagzeilen bestimmen, rückt ein Motiv stärker in den Mittelpunkt als alles andere: Sicherheit.

Die neue Wechselbereitschaftsstudie 2026 von forsa im Auftrag von XING (3.418 Befragte, Dezember 2025 bis Januar 2026) zeigt deutlich: Der Arbeitsmarkt ist in Bewegung – nur eben anders als erwartet.

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick

  • Wechselbereitschaft sinkt auf 34 % – der zweitniedrigste Wert der gesamten Studienreihe
  • 84 % der Beschäftigten sind mit ihrem Job zufrieden – aber überwiegend „funktional“, nicht begeistert
  • Sicherheit schlägt Karriere: 58 % entscheiden sich im direkten Vergleich für „sicher & langweilig“ statt „spannend & riskant“
  • Gehalt bleibt Wechselgrund Nr. 1, wichtiger als 2025 – besonders für Männer und die Gen Z
  • KI sorgt weniger für Angst, als oft angenommen: Zwei Drittel sehen keine Gefahr für den eigenen Arbeitsplatz
  • Top-Bleibegründe: Jobsicherheit, interessante Aufgaben, Gehalt, Teamzusammenhalt
  • Top-Wechselgründe: Zu niedriges Gehalt, fehlende Aufstiegschancen, Stress und Führungsverhalten

1. Wechselbereitschaft 2026: Vorsicht bestimmt das Verhalten

Die grundsätzliche Wechseloffenheit liegt 2026 bei 34 %. Nur 8 % planen einen konkreten Wechsel – der Rest „beobachtet den Markt“.

Jüngere bleiben beweglicher:

  • 46 % der Gen Z sind grundsätzlich offen für neue Jobs.
  • 12 % planen konkret zu wechseln.

2. Zufriedenheit ja – Euphorie nein

84 % der Beschäftigten sind zufrieden, aber vor allem „eher zufrieden“ (49 %). Wirkliche Begeisterung („sehr zufrieden“) äußern nur 35 %.

Diese moderate Zufriedenheit deutet laut Experte Bastian Hughes auf ein Verhalten hin, das stark von Risikoabwägung geprägt ist:
„Bleiben ist momentan für viele die rationalere Entscheidung als Aufbruch.“

3. Sicherheit als Leitmotiv

In einer direkten Entscheidungsfrage – „Sicher, aber langweilig ODER spannend, aber unsicher?“ – ergibt sich ein klares Bild:

  • 58 % wählen Sicherheit.
  • 41 % wählen Spannung trotz Risiko.

Die Risikobereitschaft variiert stark:

  • Gen Z und Männer sind am risikofreudigsten.
  • Frauen und Babyboomer bevorzugen Stabilität.

4. Kündigungssorgen & KI‑Ängste: Überraschend gering

Kündigungsangst

91 % glauben nicht, dass sie 2026 von Kündigung betroffen sein werden. Nur 8 % machen sich ernsthafte Sorgen.

KI‑Unsicherheit

Die große KI-Debatte spiegelt sich nur teilweise im Verhalten:

  • 64 % sehen keine Gefahr für ihren Arbeitsplatz.
  • 13 % denken über Berufswechsel wegen KI nach.
  • Aktiv geworden sind nur 3 %.

Am stärksten beschäftigt das Thema die Gen Z – mit gleichzeitig geringster gefühlter Sicherheit.

5. Was Beschäftigte 2026 wirklich bindet

Unter denen, die bleiben wollen, dominieren diese vier Gründe:

  1. Jobsicherheit (64 %)
  2. Interessante Aufgaben (62 %)
  3. Gehalt (57 %)
  4. Kollegialer Zusammenhalt (57 %)

Teamzusammenhalt verliert allerdings an Bedeutung gegenüber 2025 – ein bemerkenswerter Trend.

6. Bleibe- und Wechselgründe: Gehalt dominiert

Top‑Wechselgründe 2026:

  • Zu niedriges Gehalt (41 – 44 %)
  • Fehlende Aufstiegschancen (38 – 42 %)
  • Stress (36 %)
  • Unzufriedenheit mit Führung

Bei der Gen Z ist Gehalt mit 55 % der wichtigste Wechselimpuls.
Bei der Gen X dominiert dagegen Stress (41 %).

7. Wofür Bewerbende sich entscheiden – und wogegen

Die Studie enthält mehrere Paarvergleiche, die zeigen, wie stark verschiedene Faktoren gegen ein höheres Gehalt „bestehen“ können.

Beispiele:

  • 61 % bevorzugen bessere Jobsicherheit statt höheres Gehalt.
  • 58 % wählen bessere Work‑Life‑Balance statt mehr Gehalt.
  • 51 % würden mehr Urlaubstage höherem Gehalt vorziehen.

Kulturelle Faktoren schlagen monetäre zunehmend.

8. Was ein neuer Arbeitgeber bieten muss

Diese Erwartungen stehen 2026 ganz oben:

ErwartungGesamtMännerFrauen
Langfristig sicherer Job70 %72 %69 %
Höheres Gehalt63 %66 %60 %
Gutes Führungsverhalten62 %59 %64 %
Flexible Arbeitszeitmodelle58 %51 %65 %
Sinnerfüllende Tätigkeit57 %57 %57 %

Bemerkenswert:
Für Babyboomer ist „Sinn“ 2026 wichtiger als Sicherheit.

9. Benefits: Was wirkt – und was nicht

Unattraktive Benefits (oft überbewertet in Anzeigen):

  • Jobsharing
  • Workation
  • Hunde im Büro
  • Kinderbetreuung

Attraktive Benefits:

  • Remote‑Work‑Möglichkeit
  • 4‑Tage‑Woche
  • Unbefristete Verträge
  • Gesundheitsangebote
  • Psychische Fürsorge

10. Recruiting‑Empfehlungen für 2026

Auf Basis der Daten ergeben sich klare Handlungsempfehlungen:

1. Sicherheit sichtbar machen

  • „Unbefristet“, „solides Wachstum“, „stabile Branche“ – transparent kommunizieren.

2. Gehalt & Benefits klar darstellen

  • Früh kommunizieren, nicht erst im späten Prozess.
  • Zusatzleistungen konkret statt abstrakt.

3. Teamgefühl erlebbar machen

  • Teamvorstellung im Prozess (Video, Kennenlernen, Job‑Shadowing).

4. Wechselgründe proaktiv ansprechen

  • Fragen nach Frustrationen des alten Jobs geben wertvolle Signale.

5. Karrierepfade konkret benennen

  • Kein „Entwicklungsmöglichkeiten“, sondern klare Beispiele.

6. KI‑Ängste ernst nehmen

  • Zeigen, wie KI unterstützt – nicht ersetzt.
  • Weiterbildung aktiv anbieten.

Fazit: Die neue Logik des Arbeitsmarkts

2026 folgt der deutsche Arbeitsmarkt einer klaren Formel:

👉 Unsicheres Umfeld + wachsende Markttransparenz = Stabilität als oberstes Kriterium.

Für Unternehmen bedeutet das:

  • Sicherheit ist der neue Wettbewerbsvorteil.
  • Gehalt bleibt wichtig, reicht aber nicht aus.
  • Führung, Kultur und Verlässlichkeit werden zu echten Entscheidungstreibern.

Für Bewerbende gilt:

  • Sicherheit zu suchen ist kein Rückzug – sondern eine rationale Antwort auf ein unsicheres Umfeld.
  • Wer dennoch wechseln möchte, tut dies zunehmend geplant, datenbasiert und selbstbewusst.