Mitten im Sturm – Wie Sie als Führungskraft Halt geben, wenn alles wankt
Die Zeiten sind unbeständig. Kriege, Wirtschaftskrise, geopolitische Verwerfungen – all das versetzt Unternehmen in einen permanenten Krisenmodus. Wer heute Verantwortung trägt, muss weit mehr leisten als strategische Planung und Umsatzsteigerung. Es geht darum, Menschen durch Unsicherheit zu führen. Und das beginnt bei einem selbst.
Doch wie lässt sich das bewerkstelligen? Wie können Sie als Führungskraft Stabilität bieten, wenn auch in Ihnen selbst Zweifel nagen? Wie motivieren Sie Teams, wenn alles um Sie herum fragil erscheint?
Der erste Schritt: Die eigene Rolle neu verstehen
In unsicheren Zeiten hilft es, nicht nur nach vorn, sondern auch zurückzublicken. Krisen hat es schon immer gegeben. Und wer sich erinnert, wie frühere Turbulenzen überstanden wurden, kann daraus Kraft ziehen.
Eine der wichtigsten Aufgaben in der Krise ist es, sich die eigene Führungsrolle bewusst zu machen – und diese gegebenenfalls neu zu definieren. Wer nur auf das Überleben des Unternehmens fokussiert ist, läuft Gefahr, das Team zu verlieren. Mitarbeitende brauchen in unsicheren Zeiten vor allem Orientierung. Sie wollen wissen: Wer führt uns hier eigentlich durch das Dickicht?
Vier zentrale Prinzipien helfen dabei:
- Berechenbarkeit schaffen: Werden Sie zur verlässlichen Konstante. Ihre Mitarbeitenden müssen das Gefühl haben, dass Ihre Reaktionen nachvollziehbar sind – selbst dann, wenn die Umstände chaotisch erscheinen.
- Transparenz fördern: Erklären Sie Entscheidungen offen. Wer weiß, wie und warum etwas passiert, fühlt sich nicht mehr ausgeliefert, sondern eingebunden.
- Beteiligung ermöglichen: Lassen Sie Ihr Team aktiv an Lösungen mitarbeiten. Das stärkt das Selbstbewusstsein und mindert die Ohnmacht.
- Mitgefühl zeigen: Hören Sie zu, erkennen Sie Sorgen an und nehmen Sie Ängste ernst. Menschlichkeit ist kein Widerspruch zu Führung – sie ist ihre Grundlage.
Diese vier Elemente schaffen eine vertrauensvolle Atmosphäre, die selbst in schweren Zeiten Leistung ermöglicht. Der Lohn ist nicht nur ein funktionierendes Unternehmen – sondern auch Loyalität.
Zwischen Stärke und Selbstfürsorge – Der innere Balanceakt
Oft wird von Führungskräften erwartet, unerschütterlich zu sein. Doch das ist ein Trugschluss. Auch Führungspersonen sind Menschen mit Ängsten, Sorgen und inneren Kämpfen. Diese zu ignorieren, bedeutet, sich selbst auf Dauer zu überfordern.
Die zentrale Frage lautet: Wie können Sie stark führen, wenn Sie selbst mit Unsicherheit ringen?
Der Schlüssel liegt in der Akzeptanz. Emotionen wie Angst oder Frustration sind nicht das Problem – sie zu verdrängen, ist es. Wenn Sie lernen, diese Gefühle zu benennen, anzunehmen und durch sie hindurchzugehen, können Sie mit Klarheit handeln. So zeigen Sie nicht Schwäche, sondern Souveränität.
Ein praktischer Weg ist, sich regelmäßig zu fragen:
- Was genau macht mir gerade Angst?
- Wie realistisch ist mein schlimmstes Szenario?
- Was liegt in meiner Kontrolle – und was nicht?
- Wer kann mich unterstützen?
- Welche Ressourcen habe ich selbst?
Diese Reflexion ermöglicht zielgerichtetes Handeln. Denn wer den Nebel der Emotionen durchdringt, kann wieder den Kurs bestimmen – für sich und für andere.
Krisen als Katalysator – Persönlich und unternehmerisch wachsen
So schwer sie auch sind – Krisen bieten die Chance auf Wachstum. Menschen, die durch schwierige Zeiten gehen, entwickeln oft neue Stärken, verändern ihre Prioritäten oder entdecken ungeahnte Möglichkeiten. Die Psychologie spricht von „posttraumatischem Wachstum“.
Was braucht es dafür?
- Ein Narrativ entwickeln: Geben Sie dem Erlebten eine Bedeutung. Erzählen Sie sich und anderen, was passiert ist – und was Sie daraus lernen konnten.
- Ressourcen bewusst machen: Erinnern Sie sich an frühere Erfolge, Stärken und bewährte Strategien. Vertrauen Sie darauf, dass Sie und Ihr Team bereits durch andere Stürme gesegelt sind.
- Offenheit im Gespräch: Sprechen Sie über die Krise, auch über Ihre persönlichen Eindrücke. Das verleiht Ihrer Führungsarbeit Tiefe und Echtheit.
- Helfen und Halt geben: Anderen zu helfen, stärkt auch die eigene Resilienz. Gemeinsamkeit und Sinn wirken wie ein innerer Kompass.
Unternehmen, die diese Perspektive fördern, ermutigen nicht nur ihre Mitarbeitenden, sondern sichern auch ihre eigene Zukunftsfähigkeit.
Der Krisen-Kompass: Führen in der Extrem-Situation
Es gibt Führungskräfte, die mit echten Katastrophen konfrontiert waren – Naturereignisse, Unfälle, gesellschaftliche Tragödien. Was lässt sich von ihnen lernen?
Erstens: Krisen erfordern Zusammenarbeit, keine Einbahnstraße. Es geht nicht darum, jeden Befehl durchzudrücken, sondern alle Kräfte zu bündeln.
Zweitens: Die große Perspektive ist entscheidend. Nur wer das gesamte Bild versteht, kann die richtigen Maßnahmen treffen.
Drittens: Kommunikation ist alles. Reden Sie nicht „über“, sondern „mit“. Und zwar so, wie Sie es für Ihre eigene Familie tun würden – mit Respekt, Einfühlungsvermögen und Klarheit.
Und zuletzt: Definieren Sie Werte, die wie ein innerer Kompass wirken. Diese Werte bieten Halt, Orientierung und sind besonders in unübersichtlichen Situationen entscheidend.
Aus der Krise in die Zukunft – Strategien für langfristige Resilienz
Viele Unternehmen haben sich notgedrungen in den Krisenmodus begeben. Doch es reicht nicht, kurzfristig zu reagieren. Wer sich langfristig behaupten will, braucht strategisches Umdenken.
Drei Schritte können helfen:
- Szenarien durchdenken: Was wäre, wenn…? Entwickeln Sie mögliche Zukunftsbilder auf Basis zentraler Einflussfaktoren – und aktualisieren Sie diese regelmäßig.
- Geschäftsmodell überdenken: Was gestern funktionierte, muss morgen nicht mehr tragen. Überlegen Sie im Führungsteam: Wofür stehen wir künftig? Welche Bedürfnisse bedienen wir – und wie?
- Resilienz testen: Prüfen Sie Ihr Unternehmen auf Krisenfestigkeit. Welche Strukturen sind robust? Wo besteht Nachholbedarf? Seien Sie ehrlich – und handeln Sie.
Ein zusätzlicher Tipp: Rückbesinnen auf das, was den Gründergeist ausmachte. Schnelligkeit, Kundennähe, Verantwortungsübernahme – das sind heute oft entscheidendere Erfolgsfaktoren als starre Prozesse oder Perfektion.
Fazit: Haltung zeigen – auch wenn der Boden schwankt
Krisenführung ist mehr als Krisenbewältigung. Es geht darum, mit Haltung voranzugehen – empathisch, entschlossen und offen für Veränderung. Wenn Sie als Führungskraft den Mut haben, Ihre eigene Unsicherheit zuzulassen, Perspektiven zu wechseln und Verantwortung zu teilen, dann verwandeln Sie Not in Bewegung. Und vielleicht entsteht gerade dort, wo heute noch Angst herrscht, schon morgen ein neues Fundament für Stärke und Vertrauen.




