Fachkräftemangel? Vielleicht wird einfach zu früh aussortiert
Über Fachkräftemangel wird viel gesprochen. In Podiumsdiskussionen, in Wirtschaftsberichten, in Vorstandsetagen. Es fehlt an qualifizierten Mitarbeitenden, heißt es. Unternehmen suchen händeringend nach Personal. Gleichzeitig erleben viele junge Menschen etwas völlig anderes: Absagen, Funkstille – oder Stellenanzeigen, die selbst für Einstiegspositionen mehrere Jahre Berufserfahrung verlangen.
Diese beiden Wirklichkeiten passen nicht zusammen. Und doch existieren sie parallel.
Ein Widerspruch, den wir zu selten benennen
Während zahlreiche Branchen über unbesetzte Stellen klagen, brauchen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger heute oft deutlich länger für den Übergang in eine erste feste Anstellung als noch vor einigen Jahren. Das zeigen verschiedene arbeitsmarktbezogene Erhebungen. Es handelt sich dabei nicht um ein individuelles Problem, sondern um ein strukturelles.
Denn wir sprechen von Mangel – erwarten aber fertige Profile.
Wir betonen Motivation – belohnen aber lückenlose Lebensläufe.
Wir fordern Lernbereitschaft – geben aber kaum Raum zum Lernen.
Für viele junge Menschen ist das frustrierend. Sie investieren Zeit in Ausbildung oder Studium, sammeln erste Praxiserfahrungen und stoßen dennoch immer wieder auf dieselbe Hürde: „Noch nicht genug Erfahrung.“ Der Einstieg wird zur Endlosschleife.
Wenn Karriere zu eng definiert wird
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein sehr einseitiges Bild von Karriere etabliert. Studium galt als Königsweg, bestimmte Branchen als besonders prestigeträchtig, schnelle Aufstiege als Zeichen von Erfolg. Alles, was davon abwich, erschien weniger attraktiv – oder wurde gar nicht erst erzählt.
Dabei zeigt sich immer deutlicher, dass diese Erzählung an ihre Grenzen stößt. Kompetenzen entstehen nicht nur im Hörsaal oder im Traineeprogramm. Sie entstehen auch im Arbeitsalltag, in Verantwortungssituationen, im Umgang mit Menschen, unter Zeitdruck oder in unerwarteten Herausforderungen.
Studien zu Teilqualifikationen und modularen Lernwegen weisen seit Jahren darauf hin, dass Fachkräftepotenzial oft vorhanden ist – nur eben nicht immer in der Form, die klassische Auswahlverfahren bevorzugen. Wer ausschließlich auf formale Abschlüsse und lineare Lebensläufe schaut, übersieht viel.
Die Verunsicherung einer ganzen Generation
In Gesprächen mit jungen Bewerberinnen und Bewerbern zeigt sich immer wieder ein ähnliches Bild: Viele fühlen sich trotz guter Voraussetzungen nicht ausreichend. Sie haben studiert, Praktika absolviert, Nebenjobs gemacht, Projekte begleitet – und zweifeln dennoch an sich.
Der Grund liegt nicht selten in den Erwartungen, die ihnen vermittelt wurden. Karriere müsse geradlinig sein. Man müsse früh wissen, wohin es geht. Umwege seien riskant. Wechsel erklärungsbedürftig. Pausen verdächtig.
Doch diese Erwartungen passen immer weniger zu einer Arbeitswelt, die sich rasant verändert. Lebensläufe sind heute vielfältiger, Brüche normaler, Neuorientierungen häufiger. Das ist kein Zeichen von Orientierungslosigkeit – sondern von Anpassungsfähigkeit.
Verantwortung entsteht nicht nur in hippen Büros
Karriere findet nicht ausschließlich in modernen Bürowelten oder auf Innovationsbühnen statt. Sie entsteht überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Im Kundenkontakt. In der Organisation von Abläufen. In der Führung kleiner Teams. In der Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen und für sie einzustehen.
Ein Beispiel dafür ist der Weg einer jungen Mitarbeiterin, die ursprünglich keinerlei Bezug zu ihrer späteren Branche hatte. Der Einstieg erfolgte eher aus pragmatischen Gründen als aus Leidenschaft. Fachbegriffe, Prozesse und Strukturen waren ihr zunächst fremd. Was sie jedoch erhielt, war Vertrauen.
Schon früh durfte sie Verantwortung übernehmen, wurde begleitet, gefördert und gefordert. Schritt für Schritt wuchs sie in neue Aufgaben hinein, übernahm Führungsverantwortung und gestaltete später sogar neue Standorte mit. Nicht, weil ihr Lebenslauf perfekt war – sondern weil ihr Potenzial erkannt wurde.
Ein anderes Beispiel zeigt, dass Entwicklung keine Altersgrenze kennt. Ein Mitarbeiter entschied sich nach vielen Jahren in einem handwerklichen Beruf für einen Neuanfang. Fachlich kam er aus einer ganz anderen Welt. Heute trägt er Verantwortung für ein Team und bringt seine Erfahrung täglich ein. Seine Geschichte steht stellvertretend für viele ähnliche Wege.
Was Unternehmen lernen müssen
Unternehmen mit ambitionierten Wachstumszielen stehen vor einer klaren Realität: Offene Stellen lassen sich nicht dauerhaft mit Wunschprofilen besetzen. Wer darauf wartet, dass der ideale Lebenslauf von selbst erscheint, wird lange warten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Bringt diese Person alles mit?“
Sondern: „Was bringt diese Person mit – und was können wir gemeinsam entwickeln?“
Das erfordert ein Umdenken in Auswahlprozessen. Weniger Checklisten, mehr Gespräche. Weniger Fokus auf Stationen, mehr auf Haltung. Motivation, Verantwortungsbewusstsein und Lernbereitschaft lassen sich nicht in Zeugnissen ablesen – aber im Dialog erkennen.
Natürlich bedeutet das Aufwand. Potenzialorientierte Auswahl braucht Zeit, Aufmerksamkeit und manchmal auch Mut. Doch sie zahlt sich aus. Viele erfolgreiche Führungskräfte haben ihre Laufbahn nicht mit einem perfekten Profil begonnen, sondern mit einer Chance.
Standards senken? Nein. Perspektiven erweitern.
Potenzialorientierung bedeutet nicht, Anforderungen beliebig zu machen. Fachliche Qualität bleibt wichtig. Es geht nicht darum, Erwartungen aufzugeben, sondern sie realistisch zu gestalten.
Muss eine Einstiegsposition wirklich Erfahrung verlangen, die nur in genau dieser Position gesammelt werden kann?
Müssen Lebensläufe fehlerfrei sein, um Entwicklung zu ermöglichen?
Oder schließen wir damit genau die Menschen aus, die wir später dringend brauchen?
Wer Potenzial ernst nimmt, investiert bewusst. In Einarbeitung. In Weiterbildung. In Begleitung. Doch diese Investition schafft Bindung, Loyalität und nachhaltige Entwicklung – Werte, die in Zeiten hoher Fluktuation immer wichtiger werden.
Sicherheit ist kein Makel
Lange Zeit galt Sicherheit als langweilig. Dynamik, Tempo und Risiko standen höher im Kurs. Doch wirtschaftliche Unsicherheiten, Stellenabbau und volatile Märkte haben den Blick verändert.
Heute erkennen viele: Stabilität ist kein Karrierekiller. Sie schafft den Raum, um Verantwortung zu übernehmen, sich auszuprobieren und zu wachsen. Wer nicht ständig um den eigenen Arbeitsplatz fürchten muss, trifft mutigere Entscheidungen – fachlich wie persönlich.
Karriere bedeutet nicht zwangsläufig den schnellsten Aufstieg, sondern nachhaltige Entwicklung. Und die braucht ein solides Fundament.
Eine kulturelle Aufgabe
Wenn wir den Fachkräftemangel ernsthaft angehen wollen, müssen wir unsere eigenen Erwartungen hinterfragen. Als Unternehmen, als Führungskräfte, als Gesellschaft.
Wir brauchen mehr echte Einstiegschancen und weniger theoretische Versprechen. Mehr Vertrauen in Entwicklung und weniger Angst vor Unvollkommenheit. Karriere sollte nicht ausschließlich über Titel, Branchen oder Tempo definiert werden, sondern über Verantwortung, Lernbereitschaft und Wirkung.
Der 23-jährige Bewerber ohne mehrjährige Berufserfahrung ist kein Risiko. Er oder sie ist eine Investition. Eine Investition in die Zukunft – nicht nur des Unternehmens, sondern des gesamten Arbeitsmarktes.
Vielleicht liegt ein Teil der Lösung für den Fachkräftemangel genau dort, wo wir bisher zu schnell aussortiert haben. Nicht am Ende des Auswahlprozesses, sondern ganz am Anfang. Karriere beginnt selten mit einem perfekten Profil. Sie beginnt mit einer ersten Chance.




